Innovationskultur – ein Ausdruck, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, denn er besteht aus zwei Begriffen, die ständig im öffentlichen Raum schweben und doch nur von Wenigen präzise beschrieben werden können, Innovation und Kultur. Innovation, das haben wir ja inzwischen gelernt (im ersten Innoblog „Innovation“ gibt es dazu eine ausführliche Erklärung), ist die Einführung von etwas Neuem und muss erst auf einem Markt eingeführt werden, sich da behaupten, eine kontinuierliche Käuferschaft finden und sich schließlich am Markt durchsetzen. Kultur wiederum ist ein dynamisches System von Werten, Traditionen, Verhaltensweisen und Ausdrucksformen, die eine Gesellschaft prägen. Sie umfasst Kunst, Sprache, Bräuche, Rituale und soziale Normen. Fügt man die beiden Begriffe zusammen, ergibt sich die Innovationskultur und hierfür hat die Softwareschmiede Ideascale.com auf ihrer Homepage eine schöne Definition präsentiert:
„Eine Innovationskultur ist definiert als die kollektive Denkweise, die Werte, Überzeugungen und Praktiken innerhalb einer Organisation, die Innovation fördert, unterstützt. Es ist ein Umfeld, in dem Kreativität, Experimentierfreude und das Streben nach neuen Ideen gefördert und begrüßt werden. In einer Innovationskultur wird der Einzelne ermutigt, kritisch zu denken, Risiken einzugehen und den Status quo in Frage zu stellen, um bahnbrechende Lösungen zu entwickeln und positive Veränderungen voranzutreiben.“
Verändert nach Nieminen, J., Viima 2018 – Innovation Management
Wenn man sich die vier Schlüsselaspekte des Innovationsmanagements von Jesse Nieminen von Viima wieder ins Gedächtnis ruft, dann erscheinen die folgenden Begriffe: Fähigkeiten, Strukturen, Strategie und Kultur.
Der Überbegriff „Fähigkeiten“ umfasst das Können und die Ressourcen innerhalb einer Organisation zur Schaffung und Verwaltung von Innovationen. Der Aspekt der Fähigkeiten bezieht sich in erster Linie auf den Menschen, da Innovation in hohem Maße von dem Können sowohl der Einzelpersonen als auch von Teams insgesamt abhängt. Unter den Strukturen versteht man die Organisationsstruktur, die bestehenden Prozesse und die Infrastruktur der Organisation. Die richtigen Strukturen können als Multiplikator wirken und es der Organisation ermöglichen, viel effektiver zu operieren und zu innovieren. Die Strategie wiederum reflektiert den Plan der Organisationsleitung, eine Vision unter ungewissen Bedingungen zu erzielen und dafür die zur Verfügung stehenden Fähigkeiten und Strukturen taktisch klug einzusetzen. Und Kultur, insbesondere die Innovationskultur ist laut einem Harvard Business Review von 2013 das konsistente, beobachtete Verhaltensmuster in einer Organisation oder wie Aristoteles einmal sagte: „Wir sind, was wir immer wieder tun.“ Somit ist eine Organisationsstruktur im Grunde genommen die Summe aller Praktiken, Prozesse, Gewohnheiten, Werte, Strukturen, Anreize und natürlich Menschen, die eine Organisation versammelt hat.
Das bedeutet, um in einer Organisation Innovation voranzutreiben und eine Innovationskultur zu etablieren, muss in jeder Faser der Organisation Innovation gespürt und gelebt werden. Das geht natürlich nur, wenn rechtzeitig entsprechende Weichen gestellt wurden und das Management zu 100% hinter dem Vorhaben steht. Ideascale.com hat hier einige der wichtigsten Voraussetzungen zusammengestellt:
Verändert nach Lead-Innovation.com, Tanja Eschberger-Friedl , 2023
Ist eine Innovationskultur erst einmal etabliert, dann bestimmt sie laut Lead-Innovation.com (Was ist Innovationskultur?, 2023) das „Können“ (Innovationsfähigkeit), das „Wollen“ (Innovationsbereitschaft) und das „Dürfen“ (Innovationsmöglichkeit), die zusammen die Innovationstätigkeit definieren. Keine dieser Säulen steht isoliert für sich allein, sondern sie beeinflussen sich kontinuierlich gegenseitig. Die Veränderung eines Parameters hat sofort Auswirkungen auf die beiden anderen, was bedeutet, dass Innovationen in einer Organisation erst dann funktionieren, wenn das Können, das Wollen und das Dürfen in perfektem Gleichklang sind.
Das Können setzt voraus, dass die Menschen, die für die Organisation arbeiten bei der Entwicklung und Entfaltung ihres kreativen Potenzials unterstützt und gefördert werden. Dafür braucht es klare Ansagen von der Organisationsleitung, aber auch den Willen, die Mitarbeitenden kontinuierlich im Innovationsbereich zu schulen und fortzubilden. Hierzu gehören regelmäßige Trend- und Zukunftsworkshops für Methoden und Hilfsmittel zur Ideenfindung, Ideenbewertung und deren Realisierung. Ganz entscheidend ist auch der innerbetriebliche Wissenstransfer von neu erlangtem oder bereits vorhandenem Wissen, aber auch die Arbeitsatmosphäre, in der das Wissen umgesetzt werden soll.
Neben dem „Können“ ist auch das „Wollen“ ein wichtiger Punkt, denn innovatives Handeln kann nicht von oben verordnet werden. Bei den Mitarbeitenden muss ein intrinsischer Wunsch nach dieser Art von Arbeit vorherrschen, damit später eine Innovationskultur entstehen und etabliert werden kann. Die Beschäftigten des Unternehmens müssen engagiert und ideenreich aber auch bestrebt sein, Ideen in Innovationen umzusetzen und dafür auch mal bereit sein, über den Tellerrand hinauszuschauen. Nur so können alle Beschäftigten Innovation leben und erleben sowie eine Innovationskultur prägen. Der Schlüssel zum Erfolg kommt durch die Schaffung des richtigen Bewusstseins von Innovation im Unternehmen, der Offenheit gegenüber neuen Ideen der Mitarbeitenden, der Ermutigung zur Risikobereitschaft, der Schaffung von Motivationsanreizen sowie der Veränderung des Rollenverständnisses der Führungsetage im Rahmen des Kreativprozesses.
Neben dem „Können“ und dem „Wollen“ braucht es für motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber auch noch das „Dürfen“. Denn alles „Können“ und „Wollen“ führt nur zu unendlicher Frustration, wenn man nicht „Darf“. Das „Dürfen“ ist die notwendige Voraussetzung, um das Handeln in Gang zu setzen. Hierzu müssen von der Führungsebene die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu zählen sowohl die zeitlichen als auch die finanziellen Ressourcen, die die Mitarbeitenden brauchen, um erfolgsversprechende Ideen erfolgreich umsetzen zu können. Des Weiteren ist es essenziell, dass Ziele, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen klar für die Prozesse definiert werden, die für die Entwicklung um Umsetzung von Ideen benötigt werden. Das Management muss sicherstellen, dass eine schnelle und effiziente Kommunikation über alle Hierarchieebenen hinweg möglich ist, aber auch Freiräume für informelle Kommunikation (z.B. Pausenräume) vorhanden sind. Dazu braucht es rasche und effektive Entscheidungsstrukturen. Für die gemeinsame Entwicklung von Ideen müssen bereichsübergreifende Kreativ-Teams zusammengestellt werden, wobei die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleich von Beginn an in den Innovationsprozess einbezogen werden müssen (bereichs- und hierarchieübergreifende Projektteams, Kaskadenworkshops). Durch die Vermittlung von Vertrauen in den Leistungswillen werden Eigeninitiative und unternehmerisches Handeln gefördert, so dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von sich selbst aus das erforderliche Engagement und die Leistungsfähigkeit zeigen werden.
Das „Dürfen“ sollte nicht von zu vielem Mikromanagement behindert oder durch eine Reihe von Absicherungsschleifen in der Hierarchie ausgebremst werden, sonst erlischt das kreative Denken zusammen mit der Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gleiches gilt, wenn Führungskräfte die Ressourcenzuteilung als Machtmittel missbrauchen und erforderliche Ressourcen zurückhält oder sie sogar verweigert. Spätestens hier zeigt sich dann, wie ernst es der Unternehmensleitung wirklich ist, Innovation durchzusetzen und leben zu wollen.
Was ist Innovationskultur?
Innovation ist am Anfang ein holpriger Weg durch schwieriges Gelände. Aber mit den richtigen Fähigkeiten werden Steine aus dem Weg geräumt und Strukturen geschaffen. Die richtige Strategie lässt aus dem Weg eine zielgerichtete Straße werden und die Kultur…die Kultur macht aus der Straße eine Autobahn, denn sie ist das Öl für das Getriebe, die Luft, die wir atmen und der Funke, der uns antreibt. Innovation wird von der Führungsebene bestimmt. Nur sie kann die Rahmenbedingungen im Unternehmen so gestalten, dass ein innovationsbestimmendes, ein innovationsförderndes Klima entstehen kann. Das „Können“ bringt Wissen und Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den neuesten Stand, das „Wollen“ erzeugt die motivierenden Strukturen und das „Dürfen“ erschafft den entsprechenden Freiraum für das Denken, die Entscheidungen sowie die Handlungen, damit aus einer Idee Innovation entstehen kann.
Prof. Dr. Jochen Hirsch, Leiter der Wirtschaftskoordination der Universität Tübingen