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Artikel vom 06. Februar 2026Warum stolpern so viele Unternehmen bei der Innovation?

Intro

Wie Atte Isomäki von der finnischen Firma Viima schon völlig richtig im hauseigenen Blog bemerkte, hat eigentlich jeder - okay, fast jeder - das Potenzial, kreativ zu sein. Im Wesentlichen geht es darum, dieses Potenzial richtig zu nutzen und dies gilt vor allem auch für mittelgroße und große Unternehmen. Sie besitzen Unmengen an Ressourcen und eine überwältigende Anzahl an Mitarbeitenden, sodass man sich schon etwas wundern darf, dass sie im Innovationsgeschehen gerne scheitern. Auch wenn die Schuld dann schnell mal beim Personal gesucht wird („Unsere Mitarbeiter sind nun mal nicht die Kreativsten“), gibt es immer vielfältige Gründe, warum Innovationen scheitern oder noch schlimmer, erst gar nicht angegangen werden.

Sind wir doch mal neugierig und schauen uns auf den nächsten Seiten einige Gründe an, warum Unternehmen bei Innovationsprojekten stolpern.

Gründe für‘s Stolpern

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Das Problem mit dem Fokus

Eine fehlende bzw. unklar kommunizierte Innovationsstrategie sorgt dafür, dass Innovationsprojekte nicht mehr effizient in die richtige Richtung gelenkt werden können. Werden Innovationsteams mit unzureichenden Zielsetzungen versehen, dann fehlt schnell der Fokus auf ein Ziel zuzuarbeiten. Dadurch verändert sich die Richtung der Projekte, was zu Zeit- und Ressourcenverlusten führt.

Fehlende Kompetenzen oder Kompetenzgerangel

Das Zauberwort heißt „Teamwork“! Und genau wie Entrepreneure sollten auch Intrapreneure ihre Kompetenzen bündeln, statt auf Lücken aufzubauen. Unternehmen ziehen jedoch häufig bereichsübergreifend freie Mitarbeiter für Innovationsaufgaben zusammen, ohne auf das Gesamtergebnis hinsichtlich der Expertisen zu achten.

Der unterschätzte Faktor Kreativität

Kreativität ist ein häufig unterschätzter Faktor, weil Unternehmen, die nicht in Branchen arbeiten, in denen Kreativität standardmäßig genutzt wird, wie zum Beispiel Architektur, Grafik und Design, Werbung, Medienwissenschaften usw., diesen Faktor gerne unterschätzen. Dabei ist Kreativität ein entscheidender Faktor in der gesamten Prozesskette der Innovationsentwicklung, von der Ideengenerierung und Ideenüberprüfung bis hin zu der Überwindung technischer Hindernisse, der Strategieentwicklungen sowie der Designplanung und Kommunikation.

Mangelnde Kommunikation

Die Kommunikation zwischen den Teammitgliedern ist absolut essenziell für das Gelingen von Innovationsprojekten, da das offene Gedankenspiel, das sich gegenseitig anspornende und befruchtende Brainstorming hilft, neue Durchbrüche zu generieren. Zur Lösung komplexer Probleme sind Inputs und Ideen aller Teammitglieder von Nöten, um schnell Fortschritte erzielen zu können.

Starre und unflexible Strukturen

Unternehmen lieben klare Abläufe, von der Ideengenerierung über die Entwicklung einer Innovations-Roadmap bis hin zur erfolgreichen Umsetzung ist alles schon im Vorfeld vorgegeben. Sind die Vorgaben allerdings zu starr, behindern sie den Innovationsprozess. Häufig ist es wichtig, die vorliegenden Strukturen auf ein Minimum bzw. auf das Notwendigste zu reduzieren (Lean Innovation), um erfolgreich sein zu können.

Mehr Gründe für das Stolpern

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Bedenkenträger bremsen Projekte aus

In jedem Projekt braucht es bei der Planung kritische Köpfe, die in der Lage sind, die überschwängliche Euphorie der Kolleginnen und Kollegen wieder auf einen realistischen Boden zu bringen. Was es aber nicht braucht, sind Bedenkenträger, die jeden noch so kleinen Ansatz sofort zerreden und unüberwindbare Hürden aufbauen, wo eigentlich gar keine sind. Konstruktive Kritik ist hilfreich, Destruktivität nicht, denn diese bremst Projekte aus und erstickt jede Motivation im Keim. Häufig werden solche Bedenkenträger vom Management einer jungen dynamischen Gruppe zugeteilt, um Projekte im Sand verlaufen zu lassen, ohne selbst eine Ablehnung gegen die Projektidee aussprechen zu müssen.

Fehlende Ressourcen (Kapital, Zeit, Material)

Innovationsprojekte scheitern in Unternehmen sehr schnell, wenn die Geduld und das Verständnis von Entscheidern (häufig Juristen und Ex-Banker) relativ überschaubar bzw. nur wenig vorhanden sind. Mit zunehmender Zeit und fehlenden Ergebnissen werden häufig die Geldhähne von Entscheidern zu früh zugedreht, weil Ihnen der Mut zur konsequenten Durchführung fehlt oder sie die Vision des Innovationsteams nicht teilen, sondern nur auf die Zahlen schauen. Anstatt Innovation zu einer Hauptaufgabe im Unternehmen zu machen und kontinuierliche Budgets dafür bereitzustellen, wird jedes einzelne Projekt argwöhnisch beobachtet und riskante Operationen frühzeitig terminiert. Große Unternehmen verlieren bei ihrem Innovationsbestreben sehr oft die „New Markets“ und die „Low Budget Markets“ aus den Augen, da es nicht die Märkte sind, auf denen sich ihre Cash Cow weidet. Dabei sind die Angriffe, die aus diesen Märkten über Jahre entwickelt werden, die gefährlichsten, denn das ist der Nährboden, auf dem disruptive Innovationen wachsen. Fehlen dem Innovationsteam die notwendigen Materialien, um ihre Ideen auszuprobieren, die Zeit, um die Ideen zu entwickeln und umzusetzen, sowie das Kapital, um Märkte zu testen, kann sich kein Erfolg einstellen.

Fehlender Mut zur konsequenten Umsetzung

Wie bereits zuvor schon erwähnt wurde, fehlt es den Entscheidern häufig an Mut, den langen Weg eines Innovationsprojektes mitzugehen und dieses konsequent umzusetzen. Häufig werden Abbrüche unter hohem Zeit- und Gelddruck getroffen, und schon kleine Veränderungen im Innovationsprozess können große Auswirkungen beim späteren Marketing oder Kundennutzen haben. Bei der Medikamentenentwicklung wird bereits zu einem frühen Zeitpunkt über die Gabe des Medikaments entschieden (z.B. oral, subkutan, intramuskulär oder Intravenös). Ungeduldige und geldgierige Investoren haben hier schon die Zukunft von so manchem Blockbuster-Medikament verspielt, indem sie auf eine schnelle Entwicklung gedrängt haben, anstatt auf die richtige.

Fehlende Kundenperspektive

Bei technologiegetriebenen Entwicklungen zeigt sich häufig, dass die Technologie selbst im Vordergrund steht und sich die Entwickler gar nicht vorstellen können, dass das Zielpublikum, nämlich Kundinnen und Kunden, die Begeisterung für das Endprodukt vielleicht nicht teilen könnten, sondern sich aus ihrer Perspektive etwas ganz anderes wünschen würden. Dieses Phänomen nennt sich „am Markt vorbeiinnovieren“, denn hier wurde nicht auf den Pull-Effekt (Kundenwunsch) hingearbeitet, sondern ein Push-Effekt (Entwicklervorstellung) erzeugt. Und wer da an die Automobilbranche mit all ihren überflüssigen Sensörchen und elektronischen Gadgets denkt, liegt gar nicht mal so weit daneben.

Fehlende Weitsicht des Managements

Die Aufgabe des Managements ist es, die Kosten niedrig und die Umsätze hochzuhalten, und so möglichst viel Gewinne zu erwirtschaften. Hat man ein gut funktionierendes Geschäftsmodell mit einer ordentlichen Cash Cow, dann will man die Kuh melken, solange sie noch ordentlich Milch gibt. Deswegen gehören Innovationen für die meisten Chefetagen zwar zum guten Ton, aber wehe eine Idee wagt es, die Cash Cow anzugreifen – spätestens dann ist Schluss mit lustig. Dabei hat sich gezeigt, dass der Weg der Selbstkannibalisierung der Weg zum größten Erfolg sein kann, weil die neue Innovation die alte ablösen könnte. Und wenn man sich bisher nur dumm verdient hatte, steht nun der Weg offen, sich dumm und dämlich verdienen zu können. Atari, Nokia und Kodak fehlte genau diese Weitsicht. Und wo sind sie heute?

Noch mehr Gründe für das Stolpern

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Laut einer Studie von Gartner.com aus dem Jahre 2019 ist es die Kombination von weichen Faktoren (Widerstand gegen den Wandel, geringe Innovationskultur) gepaart mit harten Faktoren (Compliance-Hürden, Fehleinschätzung von Risiken), die zum häufigen Scheitern von Innovationen führen.

Widerstand gegen den Wandel

Den Widerstand gegen den Wandel wurde bereits mit der fehlenden Weitsicht des Managements besprochen. Wer neue Strömungen belächelt und ignoriert, hat sein Schiff schon halbwegs gegen den Eisberg gesteuert. Aber natürlich darf man neue Strömungen und gehypte Marktstürmer belächeln, aber unter keinen Umständen darf man sie ignorieren oder sich gar gegen sie stemmen, wenn sie so langsam zur Konkurrenz mutieren. Denn wie heißt es in einem chinesischen Glückskeks doch so schön: “Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen!“. Und viele, die zu lange Mauern aufgebaut haben, und dann doch versucht haben, mit ihren Windmühlen auf der neuen Welle mitzuschwimmen, waren dann bereits zu spät (z.B. Nokia, Kodak, Pan Am, Commodore und Co.) und sind in Vergessenheit geraten.

Geringe Innovationskultur

Im Innovationsmanagement ist die Innovationskultur neben den Fähigkeiten, der Struktur und der Strategie, die letzte von vier Säulen. Werden die anderen drei Säulen nicht in das tägliche Geschäftsleben integriert und Innovation von den Mitarbeitenden nur einmal an Weihnachten zelebriert, aber ansonsten nicht gelebt, wird sich auch nie eine Innovationskultur durchsetzen. Denn eine Kultur wird bestimmt durch erlernte Verhaltensweisen und äußert sich in der dauerhaften Erzeugung sowie Erhaltung von Werten (z.B. Architektur, Mode, Kunst, Musik, Wissen, Essen usw.). Das Gleiche gilt für die Innovationskultur. Auch hier müssen die Mechanismen dauerhaft erzeugt und Werte erhalten werden, damit sich eine eigenständige Kultur entwickeln kann.

Innovationskulturen können sich schneller in schlanken und kleinen Strukturen, wie Start-ups und Spin-offs entwickeln, weil hier Innovation nahezu zu 100% gelebt wird. Das bedeutet aber nicht, dass mittlere und große Organisationen das nicht auch können. Dazu müssen sie aber bereit sein, kleine eigenständige Innovationsteams abzustellen, ihnen einen Kreativbereich zuordnen, freie Kommunikation zulassen, Innovationsprozesse mit klaren Visionen und Strategien versehen, das notwendige Budget bereitstellen und dieses nicht andauernd hinterfragen und schließlich marktfähige Produkte nicht im Keller verschwinden zu lassen, sondern diese parallel zur bestehenden Marktpalette fördern.

Compliance-Hürden

Innovation lebt von Kreativität, der Freiheit der Gedanken, dem Spiel mit ungeahnten Möglichkeiten, der Risikobereitschaft und dem Beschreiten neuer Wege. Das passt mal so gar nicht zu den Compliance-Regeln, die sowohl für junge Entrepreneure als auch für Innovierende in großen Unternehmen häufig ein Grauen sind, denn Compliance steht in direktem Widerspruch zu allem, wofür Innovation steht. Compliance ist der Rahmen, der Stabilität und Ordnung, Sicherheit und Fairness garantiert. Die Kunst besteht nun für die Innovationsmanagerinnen und Innovationsmanager darin, innerhalb der starren Vorgaben, die die Compliance-Regeln vorgeben, die verbliebenen Freiheitsgrade zu nutzen, um kreative Projekte vorantreiben zu können. Für Start-ups und Spin-offs stehen oft Geschwindigkeit und Agilität im Vordergrund. Zu viele Regularien und Vorschriften können das Innovationstempo ausbremsen und das Wachstum hemmen. Jedoch gibt es viele Regeln nicht ohne Grund und den Regulierungsbehörden ist es wichtig, dass Marktintegrität, Verbraucher- und Datenschutz gewahrt bleiben. Dies ist besonders in den Branchen des Gesundheits- und des Finanzwesen essenziell.

Fehleinschätzung von Risiken

Innovationsbemühungen gehen auch immer mit großen Risiken einher. Daher ist es sinnvoll, im Vorfeld eine Risikobewertung abzugeben. Diese identifiziert, analysiert und bewertet potenzielle Risiken während des Innovationsprozesses. Für die Bewertung spielen externe und interne Faktoren eine wichtige Rolle und dazu zählen u.a. Technologische Unsicherheiten (Machbarkeitsstudie), Marktdynamik (Akzeptanzverhalten), regulatorische Einschränkungen (IP-Problematik), Ressourcenbeschränkungen (finanzielle Restriktionen) und Organisationskultur (betriebliche Auswirkungen). Werden bei der Risikoidentifizierung Bereiche übersehen oder bei der Analyse Fehleinschätzungen vorgenommen, kann dies zum frühzeitigen Scheitern von Innovationsprozessen führen. Ohne Risiko keine Chance. Es gilt die richtige Balance zu finden. Keine Branche weiß das so gut wie die Pharmaindustrie, die an der Entwicklung von neuen Wirkstoffen und deren Zulassung als Medikament teilweise bis zu 20 Jahren arbeiten. Hier muss bei jedem neuen Projekt der potenzielle Nutzen gegen die vielfältigen Risiken, wie z.B. das Scheitern in den diversen klinischen Studien (Phase I-III), den regulatorischen Hürden oder des Marktwettbewerbs, abgewogen werden.

Zusammenfassung

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Wer es bis hierher geschafft hat, ohne zu Verzagen, weiß, dass es viele Faktoren gibt, die den Innovationsprozess be- und verhindern können. Und je größer ein Unternehmen ist, desto geringer ist die Transparenz, die Flexibilität für Wachstum, die Fehlertoleranz, die Loyalität und die Bescheidenheit, sich auch mal dem Team unterzuordnen, um das größere Ganze zu erreichen. Diese Faktoren sind aber für den Aufbau einer Innovationskultur essenziell. So reicht es meist kleinere Strukturmaßnahmen vorzunehmen, um die Arbeit rund um den Innovationsprozess zu verbessern. Innerhalb der Organisation muss ein Ort geschaffen werden, in dem sich die Mitglieder sicher fühlen können und sowohl Vertrauen als auch Ehrlichkeit gefördert werden. Fehler müssen anerkannt werden als Teil des Schaffungsprozesses und eine implementierte Fehleranalyse zeigt an, dass Fehler nicht verschwiegen bzw. vertuscht werden müssen, sondern auch Teil des Fortschritts bedeuten können. Das schafft auch eine Arbeitsumgebung, in der sich das Team wohl fühlt und dadurch kreativer und produktiver sein kann. Das ermutigt die Mitglieder auch zur Übernahme von Verantwortung und vermehrtem Engagement. Grundsätzlich ist es wichtig, den Mitarbeitenden zu vermitteln, dass ihre Arbeit wichtig und von Bedeutung ist. Und das wird verstärkt, indem das Management alle Angestellten mit der Mission des Unternehmens vertraut macht und Vorbildfunktionen fördert. Auch hilft es, Projekte nicht zu starten und dann beim ersten Hindernis gleich wieder einzustellen. Für Innovationsprozesse ist es wichtig, ein festes Budget bereitzustellen, an dem nicht gerüttelt wird. Nur so haben kreative Projekte überhaupt eine Chance, die schwierige und herausfordernde Prozesskette bis zum Ende zu absolvieren.

Quellen und Inspirationen

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1) Warum versagen große Organisationen bei der Innovation? Atte Isomäki, Viima.com, 2022

2) 10 Gründe, warum Innovationsprojekte scheitern. Dr. Jens-Uwe Meyer, innolytics.de, 2020

3) Warum Innovationen scheitern – der Kontext zählt. Hans-W. Winterhoff, innotonic.de, 2021

4) Wenn Marktführer abstürzen: Diese bekannten Konzerne sind grandios gescheitert. Cornelia Meyer, Business Insider, 2021

5) A Disruptor’s Guide to Compliance and Innovation. Fastercapital.com, 2025

6) Innovationsrisikobewertung. Fastercapital.com, 2025

Weitere Veröffentlichungen